Einen alten Baum verpflanzt man nicht! (Altes Sprichwort)


... Oder doch?
Millionärshobby und Alterswohnsitz!
Ein Geschäft mit der Ewigkeit.


Uralte Olivenbäume wachsen über die Zeit. Gezeichnet von Geschichte. Einige schon seit über 1500 Jahren.
Große Bagger graben in Spaniens brachliegenden Olivenhainen die uralten „Weisen“ aus. Die alten Bäume tragen keine Früchte mehr und werden normalerweise gefällt und als Rohstoff weiter verkauft. Das Transportunternehmen, welches an diesem Morgen die Olivenbäume verlädt, hat andere Pläne: Diese werden nach Frankreich, an die Côte d’Azur, transportiert. Ein lukratives Geschäft für die Baumschule Derbez aus St. Tropez.

Bei den alten Griechen stand der Olivenbaum für Lebensenergie und Sieg. Triumphierende Feldherren und Olympiasieger trugen Kränze aus seinen Zweigen. In der Bibel war es der Spross eines Ölbaums im Schnabel der Taube, der Noah zeigte, dass nach der Sintflut das Leben auf Erden wieder erwacht war.

Der Jet-Set der Côte D‘Azur ist einem neuen Trend verfallen. Sie kaufen uralte Olivenbäume und pflanzen diese in ihre Gärten, neben den Pool oder in die Einfahrt. Jeder Baum ist ein Unikat, anders gewunden und geschunden von Wind, Wetter und Jahrhunderten. In manche hat der Blitz eingeschlagen. Bei anderen sind durch Fäulnis Hohlräume im Inneren des Stammes entstanden, die Stämme sind verdreht oder gespalten, die Oberfläche der Rinde rau und zerfurcht. Aus der Nähe betrachtet wird man an das größte Säugetier der Erde, den Wal, auf dessen Haut sich Muscheln angesetzt haben, erinnert.

Olivenbäume sind sehr resistent. Dem französische Transportunternehmen ist es möglich, ihr enormes Wurzel- und Astwerk auf die Breite und Höhe eines Sattelschleppers bzw. einer Mautstation zu stutzen. Die Bäume dürfen eine Höhe von 4,50 Meter nicht überschreiten. Sechs bis acht Tonnen wiegt ein tausend Jahre alter Baum.
Trotz dieses Beschnitts verlieren sie ihre Lebenskraft nicht. So gestutzt erinnern sie an skurrile Skulpturen oder Schattengeister und nicht an die beruhigenden, schattenspendenden Methusalems in deren silbrigen Blättern sich das Licht in kleinste Teile bricht. In wenigen Jahren schon werden sie aber einen Teil ihrer Schönheit zurück erlangt haben, wenn neue Blätter aus den jungen Ästen sprießen.

Baumschulen an der französischen Riviera importieren „Bonsais“ und „Millionaire“, wie sie die, hundert- bzw. tausendjährigen Olivenbäume nennen.
Die Geschäftsidee hat ihre positive, wie auch negative Seite. Einerseits wird den Baumgreisen eine neue Zukunft an einem Ort ermöglicht, an dem Menschen ihre Schönheit zu schätzen wissen, andererseits betreibt ein Land wie Spanien Ausverkauf an seinem Kulturerbe. Die Nachfrage nach den urwüchsigen Symbolen des Friedens und der Langlebigkeit ist Jahr für Jahr gestiegen. Nun hat Spanien für Ende 2007 ein Export-Verbot für alte Olivenbäume verhängt, und folgt damit dem Vorbild anderer europäischer Länder, wie z.B. Italien.

Die Fotos für „Olea Europaea – Ein Zeittransport“ sind in der Baumschule Derbez in Gassin, bei St.Tropez und in Olivenhainen in Tarrgona, Spanien entstanden.
Auf den Grundstücken der französischen Baumschule von Thierry Derbez stehen geschätzte tausend Olivenbäume jeden Alters und jeder Größe. Monsieur Derbez hat den Nerv der Zeit getroffen und aus seinem Betrieb ein florierendes Unternehmen geschaffen. In einem Interview sagt er: „Ich verkaufe nicht nur Bäume, sondern Träume und Geschichten an Menschen, die etwas sehr Schönes in ihrem Garten haben wollen. “
Einst kam die Olive als eine der ältesten Kulturpflanzen von Asien nach Europa, doch inzwischen liegen vielerorts die alten Haine brach, und so fällt es Derbez’ Mitarbeitern leicht, in Spanien Bäume zu finden – 2000 Exemplare holte die Firma allein im vergangenen Jahr nach Frankreich.
Die Ölbauern sind froh, noch ein Geschäft mit den Pflanzen zu machen und geben sie für ca. 300 € an ihre französischen Nachbarn ab. Alte, große Exemplare werden ab 20.000 € zuzüglich vierzig Prozent für Pflanz- und Transportkosten an die Endabnehmer weiter verkauft.

Als ich mit Loulou, einem LKW-Fahrer und Vorarbeiter an den „Ausgrabungsstätten“ in Spanien spreche, versteht er nicht, was mich an diesem Thema so fasziniert: „Wir verkaufen Bäume, sonst nichts, das ist doch nichts Besonderes!“
Ist es wirklich nur ein Verkauf von Bäumen oder handelt es sich nicht vielmehr um den Transport von Zeit. Welche Rolle spielt der Traum vom ewigen Leben?
Geschichten und Geschichte werden an einen anderen, neuen Ort gebracht. Diese Bäume haben Armut und Krieg gesehen, standen unverdrossen unter dem Franco Regime und durch den spanischen Bürgerkrieg hindurch. Heute sind sie Objekte der Begierde in einer schnelllebigen Gesellschaft.
Der Ölbaum, Olea Europaea, das Symbol für die Ewigkeit.
Ein Schattenspender, ein Freund, ein Ernährer, ein Spielplatz, ein Orakel, eine Visitenkarte, ein Statussymbol, eine Schönheit und jetzt Zeitreisender als Objekt meiner fotografischen Arbeit.


Anika Potzler
Diplom Fotodesignerin
FH Dortmund
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